Hedda Bolgar

Hedda Bolgár wurde am 19. August 1909 in Zürich geboren und starb hochbetagt am 13. Mai 2013 in Los
Angeles. In den USA ehelichte sie 1940 den ebenfalls zur Flucht gezwungenen Politologen Herbert G.
Bekker, mit dem sie über 30 Jahre bis zu dessen Tod im Jahr 1973 verheiratet war. Das Paar hatte in
eine krisengeschüttelte Welt bewusst keine eigenen Kinder gesetzt, jedoch, nach eigenen Aussagen, vier
Töchter adoptiert. Mit 65 Jahren startete die Witwe nach ihrer Pensionierung für ihre noch verbleibenden
40 Jahre erneut vielfältige Aktivitäten, die unter anderem zur Gründung der nach ihr benannten Hedda Bolgar
Psychotherapy Clinic führten.
Hedda Bolgár stammte aus einem linkspolitisierten Elternhaus. Der Vater war der promovierte ungarische
Philosoph und Soziologieprofessor Elek Bolgár (1883-1955), die Mutter Erszébet Stern (1885-1981)
arbeitete unter dem Namen Elsa Stephani als Übersetzerin und Journalistin. Die Ehe der jüdischen
Eltern wurde 1908 geschlossen, dauerte jedoch nur bis 1914. Während der revolutionäre Vater nach
dem Scheitern der Ungarischen Räterepublik im Jahr 1919 über Deutschland in die Sowjetunion flüchtete
und 1945 als Soziologieprofessor nach Prag und Budapest zurückkehrte, sollte die nun mit Arnö Lorsy
(1889-1960) erneut verheiratete und wieder geschiedene Mutter Elsa Lorsy-Stephani ihrer Tochter Hedda
1939 in die USA folgen. Hedda Bolgár wuchs zuerst in Zürich auf. Zwischen 1915 und 1919 besuchte sie
die evangelische Volksschule in Budapest und zwischen 1919 und 1926 die Wiener Reformschule von Eugenie
Schwarzwald. Nach der erfolgreich bestandenen Externistenmatura im Jahr 1930 profitierte die in Zürich
geborene und in Budapest aufgewachsene Bolgár nun von den politisierten Wiener Jahren. Vielsprachig und
begabt, vom politischen Elternhaus geprägt nützte sie die pulsierenden Angebote der österreichischen
Hauptstadt.
Wahrscheinlich durch ihre Mutter animiert, trat sie 1928 im Alter von nur 19 Jahren in die Loge Vertrauen
des österreichischen Gemischten Ordens Le Droit Humain ein, in der ihre Mutter Elsa Stephani bereits seit
der Gründung im Jahr 1922 Mitglied war. 1930 inskribierte sie an der Philosophischen Fakultät der
Universität Wien wo sie unter der Betreuung von Charlotte Bühler, der Wegbereiterin der Kinder- und
Jugendpsychologie, Psychologie studierte und bei ihr mit dem Thema „Der Erlebnisaufbau im menschlichen
Lebenslauf“ ihre Dissertation schrieb. Nach nur vier Jahren promovierte sie 1934 bei Karl Bühler.
Dieser war 1922 Leiter des Wiener Psychologischen Instituts, das die Stadt Wien für eine Reform des
Schulsystems auf der Basis neuer wissenschaftlichen Erkenntnisse zur kindlichen Entwicklung ins Leben
gerufen hatte. Das Institut galt als eines der modernsten und produktivsten Forschungszentren Europas.
Im Umfeld des Wiener Kreises und den Vorlesungen von Sigmund Freud folgte für Hedda Bolgár auch die
Bekanntschaft mit seiner Tochter Anna, einer renommierten Kinderpsychologin.
Forschungsaufenthalte führten die junge Akademikerin nach Genf zu dem Pionier der kognitiven
Entwicklungspsychologie Jean Piaget und zu dem Vater der Schweizer Psychiatrie, dem Sozialreformer
Auguste Forel. Seit 1916 aktiver Sozialist verstand er sich seit 1920 zudem als Anhänger der iranischen
Bahai-Religion. Diese versuchte den menschlichen Charakter zu fördern, um eine globale friedvolle
Gesellschaft zu gestalten, in der sich die Einzelnen sowohl geistig als auch materiell weiterentwickeln
sollten.
Ganz der journalistischen Profession ihrer Mutter folgend, betätigte sich Hedda
Bolgár auch schriftstellerisch und hielt Vorträge. Ihren eigenen Aussagen folgend, veröffentlichte
sie auch antinazistische Artikel. Gleichzeitig bewarb sie sich an verschiedenen amerikanischen
Universitäten für einen Studienaufenthalt. Noch vor dem Einmarsch Hitlers erhielt sie von der
Reese Clinic in Chicago eine positive Antwort und durch ihre Schweizer Geburt auch ein Visum vom
amerikanischen Konsulat in Zürich. Das ermöglichte ihr die Ausreise und verschonte sie davor, den
Beginn des Wiener Terrors gegen die jüdische Bevölkerung erleben zu müssen. In Amerika stand sie
mit den ebenfalls Vertriebenen, ihrer ehemaligen Doktormutter Charlotte Bühler und ihrem Professor
Karl Bühler weiterhin in engem Kontakt. Hier absolvierte sie zudem eine Psychotherpieausbildung. Es
gelang ihr, als Psychologin, Lehrende und Vortragende eine steile Karriere. Sie hielt Vorträge,
unterrichtete an Universitäten und publizierte fachspezifische Artikel.
Als klinische Psychologin fand sie wieder Arbeit in diversen Forschungsprojekten. Da die amerikanische
Regierung nach 1945 psychologische Hilfe für die im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Soldaten finanzierte,
waren diesbezügliche Qualifikationen sehr gefragt. Zwischen 1939 und 1940 arbeitete sie als Research
Associate an einem Forschungsprojekt der Yale University über Alkohol-Konsum am Bellevue-Krankenhaus in
New York. Ab 1941 lebte sie in Chicago. Zwischen 1948 und 1955 avancierte sie hier zur Chefpsychologin
an der Veterans Administration Mental Hygiene Clinic. 1947 veröffentlichte sie gemeinsam mit Liselotte
Fischer eine Erwachsenenversion des in Wien entwickelten „Little World Test“. Ab 1956 ließ sie sich
zusammen mit ihrem Ehemann in Los Angeles nieder, wo sie das Department of Clinical Psychology am Mount
Sinai Hospital leitete. Von 1955 bis 1961 war sie Research Associate Professor für Community Human
Development an der Universität von Chicago. 1961 übernahm sie hier die Leitung der Abteilung für klinische
Forschung am Cedars Sinai Medical Center und arbeitete bei der Gründung der California School for
Professional Psychology mit. Ab 1975 wirkte sie als Direktorin des Wright-Instituts in Los Angeles,
einer höchst angesehenen kalifornischen Kaderschmiede für Therapeuten und Therapeutinnen im Westen der USA.
Die von ihr mitbegründete gemeinnützige Institution für psychische Gesundheit bietet intensive
Langzeitpsychotherapie zu geringen Kosten an. Eine dem Institut angegliederte Klinik trägt den Namen des
aktiven Mitglieds Hedda Bolgár der Los Angeles Psychoanalytic Society.
Bolgárs intellektuelles Herkunftsmilieu, die kurzen „Goldenen Jahre“ der Wiener Entwicklungspsychologie
der Zwischenkriegszeit und die unterschiedlichen Reformbewegungen des Roten Wien hatten die junge Frau
geprägt. Im Eiltempo absolvierte sie ihr Studium und war stets am Puls der Zeit. Ebenso wie ihre Eltern
war sie politisch aktiv und sollte sich stets für gesellschaftliche Reformen einsetzen. Antikriegs- und
Anti-Atom-Märsche bedeuteten für sie in Amerika eine Selbstverständlichkeit. Sie verachtete die
organisierte Religion, liebte hingegen den Buddhismus. Als Vegetarierin und Feministin war sie zudem
blutjung Freimaurerin geworden. Neben der praktischen Arbeit als Therapeutin hielt sie Vorträge und
veröffentlichte sie zahlreiche Artikel. Hedda Bolgár gilt als Zentralgestalt der Kalifornischen
Psychotherapieszene und war wohl die am längsten Praktizierende, denn nur zwei Wochen vor ihrem Tod
verabschiedete sie ihren letzten Patienten. Die Unermüdliche starb hochbetagt und vielfach geehrt 2013
im Alter von 103 Jahren. Ihre Vertreibung aus Österreich bedeutete einen herben Verlust für das Land,
dagegen einen großen Gewinn für Amerika.
Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich
Link:
Hedda Bolgar auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI
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